Sibylle Kaldewey
Aktuell
Ausstellung
Marlene Dietrich
Ich hab noch einen Koffer in Berlin
Ein Blick in die Bibliothek der Diva
Kuratiert von Sibylle Kaldewey
Als ich den Auftrag annahm, eine Kabinettausstellung zur Bibliothek von Marlene Dietrich zu gestalten, begleitete mich ihre Stimme auf einer alten Schelllackplatte:
Ich bin von Kopf bis Fuß auf Liebe eingestellt…. Es klang nach und führte mich nach Marienfelde, dem Archiv der Deutschen Kinemathek, die den Nachlass aufbewahrt.
Ein freundlicher Archivar legte mir, bei mehreren Besuchen, die Bücher meiner Wünsche vor. Eine Übersicht hatte ich in dem digitalen Verzeichnis des Bestandes von 1.800 Titeln gewonnen. Der Schwerpunkt der Ausstellung sollte das literarische Interesse der Berlinerin zeigen. Was hat sie gelesen, bevor sie berühmt wurde, aufgewachsen in einem preußischen Elternhaus und welche Bücher begleiteten sie in die Welt, in die sie sich 1930 hinauswagt?
Auch für mich war es eine Reise, durch ihr Leben, ihre Vorlieben und Begegnungen mit Autoren, die ich teilweise nicht kannte, obwohl ich einmal Buchhändlerin und Antiquarin war. Dank Wikipedia war es möglich die Biographien nachzulesen und die Bezüge zu verstehen. Denn schnell stellte ich fest, dass Hollywood, neben dem Glamour und den Partys, nach 1933 ein Zufluchtsort für viele Autoren geworden war. Einst beliebt und viel gelesen, erhielten sie im Dritten Reich Schreibverbot und ihre Bücher wurden öffentlich verbrannt. Die Ausstellung wird in direkter Nähe zum Bebelplatz, dem Schauplatz dieser Ereignisse, stattfinden.
Die Bibliothek hat eine lebenspraktische Mischung zu Gesundheit, Reisen, Kochen, Ballett, Kunst und Mode, natürlich Film, Kinderbücher für die Tochter und Literatur in drei Sprachen, Deutsch, Französisch und Englisch.
Bei meinen Recherchen zeigte sich, dass Marlene Dietrich nicht nur eine leidenschaftliche Leserin mit einer anspruchsvollen Bibliothek war, sondern auch vertraute Freundschaften mit Schriftstellern und Dichtern pflegte.
Die spannende Aufgabe war es aus dieser Vielzahl von Büchern eine Auswahl zu treffen. Es überraschte mich der Bestand an Klassischer Literatur, beginnend mit Shakespeare, Goethe, Heine, ihre Vorliebe für Gedichte, die sie zu Rilke, Ringelnatz und Kästner führte und die Treue zu den Autoren, die inzwischen im Exil lebten.
Das Leben im Ausland, zuerst in Paris, dann Amerika, brachte internationale Lektüre in die Regale. Mit Französisch aufgewachsen, lernte die Dietrich in Hollywood lebensnotwenig Englisch dazu. Auch ihre Freundschaften und Amouren wurden mehrsprachig.
Fraglos hatte sie eine Schwäche für charismatische, intellektuelle Männer, um nur einige zu nennen, wie Josef von Sternberg, Erich Maria Remarque, Noel Coward oder Max Frisch, Christopher Isherwood und speziell Ernest Hemingway.
Marlene Dietrich war selbst schreibend erfolgreich, mit ihrer Autobiografie, in der sie die Wahrheit (!) versprach und die in New York, London und Berlin verlegt wurde. Sehr lesenswert und amüsant ist ihr Brevier ABC des Lebens, das von Aberglaube bis Zypresse in kurzen Epigrammen ihren Humor und Pragmatismus zeigt.
Die Deutsche Kinemathek wird uns 90 Titel für diese Ausstellung vertrauensvoll ausleihen. Als haptischen Auftritt der Stilikone werden fünf Paar Schuhe gezeigt, aus dem Bestand von 420 Exemplaren im Textilarchiv. Schuhe waren für sie wichtig, für ihre Auftritte, glitzernd in Las Vegas, bei den Shows oder später an der Front, dann in Uniform.
Das rastlose Wanderleben der Schauspielerin, der Sängerin, der Verführerin, zeigen wir bescheiden mit zwei Überseekoffern. Bekannt ist, dass ihr Reisegepäck oft aus mehr als fünfzig Koffer bestand. Bestimmt hatte sie auch Bücher dabei.
Hunderte von Widmungsexemplare bezeugen die Verehrung und Hochachtung für eine Frau, die Hollywood zwar geformt hat, der es jedoch gelang, ihr Selbst zu bewahren. Malerisch dargestellt war sie ein Berliner Blau, die preußische Disziplin dazu gemischt und mit einem Tupfer Magenta.
Berlin, den 24. August 2026
Venedig erwacht • Venice awakens
• Alle Bilder dazu unter Collagen
Venedig erwacht im Winter
Cannalettos, Guardis Himmel, das Blau, färbt sich grau und je kürzer die Tage werden, um so dichter wird der Schleier, der sich über die Lagune legt. Ein Blick vom Zattere hinüber zur Guidecca zeigt noch schwach die Umrisse der Factory
Fortuny, nach einem endlosen Streifen, umbrafarben, verschmilzt die Fassade Palladio`s mit der Luft. Ein breites Transportschiff sendet Lichtsignale auf die bewegungslose Wasseroberfläche.
In den Gassen treten die Einwohner auf, die Kulisse belebt sich, keine Müßig-gänger, geschäftig Eilende, Handwerker, Studierende, Kinder rollern zur Schule
und vom Fischmarkt, erkennbar Köche, Frauen mit Blumen, ein Alter mit Stock begleitet seinen Hund. Und der Arlecchino? In den Häusern sitzen Mädchen, Frauen, sie nähen farbige Kostüme. Venedig wird eine italienische Stadt. .
Verloren ist jetzt der Tourist, der einsam flaniert und Schutz sucht bei den
Melodien einer Bar. Lucio Dalla. Und während sie aus dem Fenster schaut, die Vorbeigehenden betrachtet, da sieht sie Aldus Manutius, einen Delphin unter
dem Arm, ihm folgt Monteverdi, der ein Lied pfeift und jetzt, sie hält den Atem an, das ist Jorge Louis Borges, der heute aus dem Labyrinth herausgefunden hat.
Nur Rilke kommt nicht vorbei, er schreibt an einem Gedicht über Venedig.
Venice awakens in winter
Cannaletto’s, Guardi’s sky, the blue, turns gray, and the shorter the days become, the denser the veil that covers the lagoon. A view from the Zattere across to the Guidecca still faintly reveals the outlines of the Factory Fortuny, after an endless strip of umber, Palladio’s façade merges with the air. A wide transport ship sends light signals onto the motionless water surface.
The inhabitants appear in the alleys, the backdrop comes to life, no idlers, busy people hurrying, craftsmen, students, children scootering to school and from
the fish market, recognizable cooks, women with flowers, an old man with a cane accompanying his dog. And the Arlecchino? Girls and women sit in the houses, rooms, sewing colorful costumes. Venice becomes an Italian city. .
Now the tourist is lost, strolling alone and seeking shelter in the melodies of a Bar. Lucio Dalla. And as she looks out of the window, watching the passers-by, she
sees Aldus Manutius, a dolphin under his arm, followed by Monteverdi, whistling a song, and now, she holds her breath, it is Jorge Louis Borges, who has found his way out of the labyrinth today. Only Rilke does not pass by; he is writing a poem about Venice.